Die Geschichte des Gillitzerblocks Rosenheim begann vor über 100 Jahren!  

Foto: Stadtarchiv

 
 
 
 

Gillitzerblock Rosenheim:
 

Münchener Straße,
Ecke Prinzregentenstraße  
um 1900

 
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war Rosenheim eine Kleinstadt mit ca. 14.000 Einwohnern. Südlich der Prinzregentestraße war außer Saline und Bahnhof kaum etwas, was man zu einem städtischen Zentrum zählen konnte.
Das änderte sich, als am 7. Juni 1893 ein in Rosenheim unbekannter Geschäftsmann aus München ein teilweise bebautes Grundstück südwestlich der Prinzregentenstraße erwarb. Sein Name: Thomas Gillitzer. Er wird das Stadtbild entscheidend prägen. Durch ihn wird es in Rosenheim zum ersten Mal einen einheitlichen, in sich schlüssigen Häuserblock geben. Gillitzer wurde 1843 in Obermiesbach (Oberpfalz) geboren. Bald zog es ihn nach München, er erlernte dort das Gastgewerbe und gelangte durch Grundstücksspekulationen zu Reichtum. Bereits 1883 erwarb Gillitzer das "Gut Innleiten" als seinen Zweitwohnsitz.
1895 verlegte er seinen Wohnsitz nach Rosenheim, nachdem er in München seine Immobilien verkauft hatte. Das Grundstück, das Gillitzer 1893 für 96.000 DM erwarb, gehörte der Erbengemeinschaft Hayler. Auch die Stadt Rosenheim hatte Interesse daran, bot aber nur 90.000 Mark und nachdem mehrere bürokratische Hürden auftraten, entschied sich Gillitzer zum schnellen Kauf. Zu dem erwarb er noch ein weiteres Grundstück, um die Parzelle zu vergrößern.
Der "Rosenheimer Anzeiger" berichtete am 31. Juli 1896: " Der theuerste Bauplatz, welcher seit langer Zeit in Rosenheim abgegeben wurde, ist gestern in den Besitz des Rentier Thomas Gillitzer gelangt, nach langen erschwerten Unterhandlungen. Das Besitztum des Herrn Schuhfabrikanten Andreas Falbesaner wurde um den Preis von 136.000 Mark an Herrn Gillitzer abgetreten, um sein Häuserquadrat vervollständigen zu können."
Gillitzer hat große Pläne: Er projektiert 15 Wohn- und Geschäftshäuser, darunter ein Hotel, sämtlich mit hervorragender Innenausstattung, die Fassaden im neo-barocken Stil gehalten. Die Häuser hätten ebenso gut in Wien oder Berlin stehen können, sie waren für das damalige Rosenheim mit seinen Innenstadt-Häusern ein Fremdkörper. Gillitzer wußte jedoch um den Wert einer guten Werbung und ließ bereits 1893 Pläne und Beschreibungen der neuen Häuser verbreiten. 1894 genehmigte die Stadt die ersten sechs Wohnhäuser an der Stelle des heutigen Karstadt-Hauses, bis 1897 war das gesamte Anwesen bebaut.
 

Foto: Stadtarchiv

 
 
 
 

Gillitzerblock Rosenheim:
 

Saal im Hotel 
Deutscher Kaiser                  
um 1900

 
Das Hotel war weithin berühmt
Das wichtigste Gebäude des neu errichteten Komplexes war das Hotel „Deutscher Kaiser“ in der Prinzregentenstraße, das mit allem Annehmlichkeiten ausgestattet war. Sämtliche Zimmer hatten elektrisches Licht und Toiletten mit Wasserspülung – zur damaligen Zeit keine Selbstverständlichkeit. 
Das Hotel erregte nicht nur in Rosenheim Aufsehen, zum Beispiel berichtet die „Augsburger Abendzeitung“ am 10. Februar 1897: „Der Neubau ist allen modernen Hotelbauten einer Großstadt sowohl hinsichtlich Eleganz als auch Comfort ebenbürtig. Die Stadt wird ein Muster eines Hotels in neuestem Style bekommen, ein Etablissement allerersten Ranges, prächtig und behaglich zugleich, indem es reiche Ausstattung mit vornehmer Einfachheit verbindet.“ Das Hotel besaß zudem einen wunderschönen Theatersaal im Neo-Rokoko-Stil, der etwa 1000 Personen faßte. Dort wurden Lustspiele und Operetten, Bauerntheater und Cabaret aufgeführt, unter anderem auch mit dem Varieté des Deutschen Theater München. An das Hotel schloß sich in der Gillitzerstraße das „Bismarckbad“ an, in dem man sämtliche Anwendungen eines bayerischen Kurbades über sich ergehen lassen konnte. 
Obwohl das Bismarckbad das dritte Rosenheimer Kurbad war und zur damaligen Zeit in ganz Deutschland geschätzt wurde, ist Rosenheim nie zum Kurort geworden. Zwei weitere aufsehenerregende Häuser, die durch ihre reichen Stuckfassaden auffielen, waren die kuppelbekrönten Kaufhäuser am Anfang und am Ende des Gillitzer-Blocks in der Münchnerstraße. In das eine zog das „Kaufhaus Wilhelm“ ein, an seiner Stelle steht heute Karstadt. 
Das andere wurde 1898 zum Modehaus Cohn, das wiederum 1905 von Johann Senft übernommen wurde. Alle anderen Häuser waren Wohn- und zum Teil Geschäftshäuser. Weit über die Region wurden Aussehen und Ausstattung der neuen Anlagen gelobt und waren in der Tat ein Magnet für allerlei Prominenz. Jedoch hatte Gillitzer nicht damit gerechnet, daß die Kleinstadt Rosenheim nie eine Konkurrenz zu München sein würde und auch wirtschaftlich nicht mithalten konnte. Die laufenden Kosten für Hotel und Bismarckbad überstiegen die Einnahmen. Mit seiner Frau zusammen hatte Gillitzer bisher das Hotel Deutscher Kaiser mit gutem Erfolg geführt und tauschte es aus bis heute unerklärlichen Gründen 1902 bei einem Münchner Investor gegen drei Münchner Stadthäuser ein. Letztendlich war es ein Verlustgeschäft und so mußte 1904 ein Konkursverfahren gegen ihn eröffnet werden. Zum Schluß blieb ihm nur noch ein Haus seines ganzen Blocks übrig, in dem der schwerkranke und vergrämte Gillitzer bis zu seinem Tod 1913 wohnte. 
 
 

 

Foto: Stadtarchiv

 
 
 
 

Gillitzerblock Rosenheim:
 

Münchener Straße,
Ecke Gillitzerstraße         
um 1900

 
Abriß und Neubau
Die architektonische  Einheit des Gillitzer-Blocks löste sich im Jahre 1968 auf. Die Warenhauskette Karstadt hatte das Kaufhaus Wilhelm erworben und beseitigte als erstes die vermeintlich überflüssigen Stuckarbeiten an dem Eckhaus. Als sich die Möglichkeit bot, die angrenzenden Häuser zu erwerben, ließ Karstadt die gesamte Häusereck abbrechen und ein dem Zeitgeschmack entsprechendes Kaufhaus mit 6200 qm Verkaufsfläche aufbauen. Der Abriß geschah hier ohne Not, da die alten Gebäude noch intakt waren. Anders war die Situation im Hotel Deutscher Kaiser und im angrenzenden Bad: Die Räumlichkeiten waren aufgrund der zu hohen Instandhaltungskosten nicht mehr gepflegt worden und waren Großteils abbruchreif. 
Der Theatersaal wurde zwar 1926 in ein Kino umgewandelt, das jedoch mit dem Aufkommen des Fernsehers im Jahre 1967 schließen mußte. Abgeschreckt durch den Karstadt-Neubau bildete sich eine breite Bürgerfront gegen den Abbruch des einzigartigen Rokoko-Theatersaales. Anfang 1974 wurden Hotel und Bad dann doch abgerissen, „um den derzeitigen Zustand, der aus Gründen der Sicherheit und Ordnung nicht mehr länger geduldet werden konnte, zu beenden.“ Anstelle der alten Bauten entstand ein neues Einkaufszentrum, das in einem „Neo-Innstadt-Stil“ gehalten ist. Dieser hat zwar mit dem traditionellen Stil wenig gemeinsam, fügte sich aber besser in das Stadtbild ein, als die Waschbeton-Fassade des Karstadt-Neubaus und wurde deshalb auch von der Bevölkerung eher angenommen. 
Die Fassade des Senft-Hauses wurde daraufhin ebenfalls modernisiert, die Stuckelemente verschwanden. Letztendlich blieben von der alten Bausubstanz nur die Häuser Nr. 4, 6 und 8 in der Münchener Straße unverändert. 1996/97 wurde der Karstadt großzügig umgebaut, wobei auch die Fassade durch große Fenster wesentlich ansprechender gestaltet wurde und sich dem gefälligeren Stil der 90er Jahre anpaßt. 
Mit der Geschäftsaufgabe des Modehauses Senft wurde das Eckhaus an der Münchener Straße  an die Bekleidungskette K&L Ruppert verkauft. Um den Anforderungen eines modernen Kaufhauses zu genügen, mußte das alte Gebäude weichen. Der Stadtrat beschloß am 28.7.98, daß das neue Haus eine exakte Rekonstruktion des Gebäudes von 1894 werden soll. Dazu wird extra ein Restaurator herangezogen, der den Fortgang der historischen Rekonstruktion überwacht und die feinen Stuckaturarbeiten selbst anfertigt. So wird wenigstens eines der mit Kuppel und Giebeln bestückten  Parade-Eckhäuser des Gillitzer-Blocks in alter Pracht auferstehen. 
 
RoZet  - (up)

 
 
 zurück: back-button in der Hauptauswahl !